13.02.2018, Duisburg

Wo hört Verliebtsein auf und wo fängt Liebe an? Ein Mediziner gibt Antworten

Auf der Suche nach dem Erfolgsrezept für die Liebe

Prof. Dr. Peer Abilgaard ist Chefarzt der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik

Die Liebe ist allgegenwärtig: Sie springt uns von Reklametafeln an, sie wird in Liedern besungen und sie ist die Rahmenhandlung unzähliger Romane und Filme. Ein unbedarfter Interpretationsversuch könnte lauten: Die Liebe ist der Kitt, der alles irgendwie zusammenhält. Aber ist es wirklich so einfach? Was ist Liebe denn nun eigentlich? Ein Gefühl, ein Zustand, eine Einstellungssache – oder einfach nur ein Hormoncocktail, der, wenn er richtig gemixt wird, eine biochemische Kettenreaktion auslöst, die entweder nie mehr stoppt, oder schon nach kurzer Zeit wieder verpufft? Prof. Dr. med. Peer Abilgaard, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychologie und Psychosomatik der Sana Kliniken Duisburg, gibt Antworten. 

Es ist wieder soweit: Der Valentinstag steht vor der Tür.  Ein ganzer Tag, der sich nur um das Thema Liebe dreht. Böse Zungen behaupten, dahinter verberge sich der vermutlich genialste Marketing-Coup der Geschichte, denn einen Tag, der im 5. Jahrhundert dem Gedenken an den heiligen Valentinus gewidmet wurde, einem christlichen Märtyrer, der enthauptet wurde, 1500 Jahre später zum Tag der Verliebten zu (v)erklären, erfordert schon eine gewisse Spitzfindigkeit. Aber Valentinus, der Patron der Verliebten, schlägt ja in gewisser Weise auch eine Brücke in die heutige Zeit. Denn auch jeder Verliebte handelt auf kurz oder lang ganz automatisch mal mehr oder weniger „kopflos“. Aber gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen „Verliebtsein“ und „Liebe“? „Ja“, sagt Prof. Dr. med. Peer Abilgaard, „denn Verliebtsein meint eher die zeitlich begrenzt erste Phase einer Beziehung, aus der erst noch eine Liebesbeziehung werden könnte.“ 

Das hat vor allem den Grund, dass man den neuen Partner noch nicht so genau kennt, ihn aber attraktiv genug findet, um ihn zum Ziel seines Werbens zu machen. „Attraktivität ist zu diesem Zeitpunkt der Schlüsselbegriff, der viele verschiedene Facetten hat – und zwar mit unterschiedlichen Schwerpunkten bei Männern und Frauen“, so der Mediziner.  

Die im besten Falle gegenseitige Anziehung ist also der erste Schritt zum Verliebtsein. Aber Vorsicht: Jetzt wird es etwas unromantisch, denn das noch nicht ganz so genaue Kennen des Gegenübers hat den „Vorteil“, dass man Wünsche und Hoffnungen hinsichtlich der Attraktivität auf es projizieren kann. „Unter Umständen ist dann auch die Illusion, das perfekte Gegenüber ganz und gar und lebenslänglich dingfest machen zu können, Teil dieser häufig als rauschhaft erlebten Phase. Günstigstenfalls ist das Gegenüber in der gleichen realitätsfernen Verfassung, und so haben beide vielleicht für mehrere Wochen eine rückblickend als glücklich empfundene Zeit miteinander“, erklärt Prof. Dr. Abilgaard.  

Doch aus dieser hormonell bedingten „Berauschtheit“ kann sich schließlich Liebe entwickeln, ein Gefühl, dem wir uns völlig hingeben können und das für uns alles Glück der Erde bedeutet. „Finden sich Partner gegenseitig attraktiv, kann das subjektiv als Liebe gefühlt werden, und dank der entsprechenden Botenstoffe, einschließlich der viel zitierten endogenen Opiate, wird der Mensch immer wieder versuchen, solche Glücksmomente herbeizuführen“, weiß Prof. Dr. Abilgaard. 

Neurowissenschaftler und Psychologen würden dem verliebten Paar, das vielleicht sogar die Kurve in Richtung einer Liebesbeziehung bekommen hat, koordiniertes und kooperatives Verhalten attestieren, das verbesserte „Aufzuchtbedingungen“ des Nachwuchses ermöglicht, eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit bei Krankheit oder Verletzung sichert und auch die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse, wie Nahrung, Wohnung oder Vorratshaltung sichert, so der Mediziner.  

Zudem gibt es eine Wechselwirkung zwischen Psyche und Physis. So bescheinigen Neurophysiologen den Verliebten signifikante Steigerungen von Hirnaktivitäten in den sogenannten „Belohnungszentren“ des Gehirns, die sich auch im Hirnstoffwechsel nachweisen lassen. Verliebte müssen dann unter Umständen weniger schlafen, sind allgemein guter Stimmung, fühlen sich vital und kriegen Projekte angepackt, die schon lange in der Zwischenablage vor sich hin moderten.

Doch der Übergang vom „Verliebtsein“ hin zu „Liebe“ ist ein ständiger Prozess, der Paaren viel abverlangt – auch, weil es heutzutage eben keine klassischen Rollenverteilungen mehr gibt, wie zu Zeiten unsere Vorfahren, der Jäger und Sammler. Für uns ist die Liebe kein reiner Ansporn mehr zur Arterhaltung. Die moderne Gesellschaft definiert sie für sich subjektiv völlig unterschiedlich. Zweifelsohne ein unschlagbarer Erfolg der Evolution, aber eben auch ein Umstand, der die Liebe stets auf tönerne Füße stellt und sie leider nicht selten auch abrupt einstürzen lässt. „Die Verliebtheit findet in dem Moment ihr Ende, wenn die vorprogrammierte Dissonanz meiner Projektionen mit den tatsächlichen Eigenschaften des geliebten Menschen nicht mehr verdrängbar erscheint. Insbesondere der kindliche Wunsch des Besitzenwollens des Partners hat nicht selten erhebliche Sprengkraft, löst vielleicht Flucht aus und genauso wie das Liebesobjekt unrealistisch idealisiert worden ist, ist es nun Träger aller denkbar schlechtesten Eigenschaften, die ein Mensch haben kann“, so der Chefarzt.  

Eine Erfolgsformel für die ewige Liebe gibt es (leider) nicht: „Da kann man keine generellen Empfehlungen geben, denn jeder Jeck ist schließlich anders“, so die etwas ernüchternde Aussage des Experten. Aber einen Tipp, damit es klappen kann,  hat er dennoch parat: „Ich wünsche allen Verliebten, dass sie gut die Kurve kriegen in Richtung Liebe. Und das gelingt natürlich um so leichter, je ungetrübter der Blick auf den anderen war, und je geringer der Druck ist, wer und was denn als attraktiv zu gelten habe.“

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Sana Kliniken Duisburg
Ute Kozber
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